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Auszüge s.u.:

- Inhaltsverzeichnis

- Vorwort der Herausgeber

- Präambel - Warum Kinos retten?

Zehn gute Gründe für mehr öffentliche Investition in Film- und Kinokultur


siehe auch

LKK-Projekte: "Leitfaden Kinokultur"



Vorwort des Herausgebers


Baden-Württemberg ist durch die Komplementärförderung des Landes mittels der MFG Medien- und Filmgesellschaft mbH sowie das große Engagement der Kommunen das Bundesland, das mit fast 60 Einrichtungen aller Größenordnungen die höchste und stabilste Zahl an Kommunalen Kinos in Deutschland vorzuweisen hat. Der Begriff „Kommunales Kino“ ist dabei programmatisch zu sehen, bezeichnet nicht etwa die Trägerschaft durch eine Kommune, sondern meint ein bestimmtes, auf den jeweiligen Ort zugeschnittenes Programmprofil, als gemeinnützige Einrichtung ohne Gewinnerzielungsabsicht.


In der Filmkonzeption Baden-Württemberg, zuletzt in „Dialog 2020 – Kulturpolitik für die Zukunft“ des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg (MWK), sind die Vielfalt und Besonderheit der Kinosituation in Baden-Württemberg beschrieben: Es gibt überdurchschnittlich viele Kommunale Kinos und gewerbliche Kinos im bundesweiten Vergleich. Die Kinoversorgung ist auch in ländlichen Gebieten – mit Ergänzung des Kinomobils Baden-Württemberg – weiterhin gut. Und zur Rolle der Kommunalen Kinos stellte die Arbeitsgruppe Filmkonzeption Baden-Württemberg bereits 2009 fest: „In Ballungsräumen bilden sie Zentren für den künstlerisch anspruchsvollen Film, in kinoärmeren Regionen helfen sie außerdem, Lücken in der Kinoversorgung zu schließen.“


Diesem „Kino in der Fläche“ gilt das besondere Augenmerk des LKK – Landesverband Kommunale Kinos Baden-Württemberg. Die Aufgabe als Verband ist die Bündelung und Vertretung der Interessen seiner Mitglieder. Der LKK ist damit in erster Linie Ansprechpartner für seine Mitgliedseinrichtungen gegenüber der Kultur- und Kinopolitik im Bundesland (deutschlandweit wird dies wahrgenommen durch den Dachverband, den BkF – Bundesverband kommunale Filmarbeit e.V. mit Sitz in Frankfurt a.M.). Neben der eigentlichen Lobbyarbeit und der Vernetzung und individuellen Beratung seiner Mitglieder hat sich der LKK ebenfalls die Beobachtung der gesamten Kinolandschaft in Baden-Württemberg zur weiteren Verbandsaufgabe gemacht. In mehreren, seit 2015 aufeinanderfolgenden Projekten mündete sie in konkrete und vielgefragte Beratungsarbeit, die phasenweise auch institutionalisiert werden konnte, vor allem über „Es lebe das Kino – Maßnahmen und Veranstaltungen zur Standortsicherung des Kulturorts Kino in Klein- und Mittelstädten“, von 2018 bis 2023 gefördert aus dem Innovationsfonds Kunst des MWK. Ebenso konnte eine beeindruckende Reihe von „Kinorettungen“ begleitet werden (s. dazu auch Anhang II).

Ein Angebot von Dr. Morticia Zschiesche als erfahrene Film- und Sozialwissenschaftlerin, Kultur- und Kinoberaterin nahmen wir vor diesem Hintergrund gerne an: verbandsunabhängig und mit wissenschaftlichem Blick erprobte Fördermodelle für Kinos so darzustellen, dass sie als Ansatzpunkte für zukünftige Kinorettungen bzw. Kinoprojekte dienen können. Der Blick wurde dabei weit über Baden-Württemberg hinaus geöffnet.


In Zusammenarbeit von LKK und Morticia Zschiesche gemeinsam mit dem Kinomobil Baden-Württemberg e.V. entstand so der vorliegende Reader „Toolbox - Cinema Next Practice“.  Er ist als Leitfaden zur Erhaltung und Sicherung von Kinos in Städten und ländlichen Gebieten gedacht, mit Grundlagen, Betriebsformen, Trägerschaften, Fördermöglichkeiten und Fördermodellen. Eingebettet ist er in die Projekte „Kinocheck Baden-Württemberg“ (Statistik und Datensammlung zur gesamten Kinolandschaft durch den LKK) und „Es lebe das Kino“ (Beratung von neuen Initiativen, Hilfestellungen vor oder nach Kinoschließungen, Unterstützung bei der Organisation, Antragstellungen und Vernetzung).

Mit dem Zentrum für Kulturelle Teilhabe Baden-Württemberg (ZfKT), einer Einrichtung des MWK, wurde der bestmögliche Ansprechpartner gefunden, der eine Förderung im Programm

»Weiterkommen!«

für diese erstmalige konzeptionelle und interdisziplinäre Zusammenarbeit von Februar 2025 bis März 2026 bewilligt hat. An einer Weiterführung aller drei Segmente wird derzeit gearbeitet, da es sich nur um Momentaufnahmen handelt, z. B. über eine Anschlussfinanzierung im Programm »Dranbleiben!« des ZfKT.

Es gibt kein „Kinosterben“! Wir wünschen Ihnen daher viel Erfolg bei der Mission „Kino retten“!

LKK Baden-Württemberg

Reiner Hoff und Constantin Schnell


Präambel – Warum Kinos retten? 
Zehn gute Gründe für mehr öffentliche Investition in
Film- und Kinokultur



  1. Film vereint als Gesamtkunstwerk alle Künste
  2. Film- und Kinokultur bedeutet lebendige Begegnung statt digitaler Isolation
  3. Gemeinsames Filmerleben stärkt die Psyche
  4. Film- und Kinokultur für alle ist eine politische Aufgabe
  5. Kontinuierliche Förderkonzeptionen sichern Kino- und Festivalstandorte
  6. Die Hauptsäulen des Kinos müssen erhalten bleiben
  7. Film- und Kinokultur lebt vom ressortübergreifenden Engagement
  8. Vom Erhalt des Ökosystems Film und Kino profitieren alle
  9. Film- und Kinokultur begeistert die ganze Gesellschaft
  10. Kino- und Festivalorte bieten Räume gelebter Demokratie und Debatte


Was ist das Besondere an Kinokultur? Warum wirkt sie so vielfältig auf unsere Gesellschaft? 
Und warum und wie sollte die öffentliche Hand mehr denn je zuvor darin investieren? 
Eine Annäherung in zehn Schlüsselfaktoren:


1. Film vereint als Gesamtkunstwerk alle Künste

Allem voran: Film ist Kunst und steckt als junge Kunstform mit seinen erst rund 130 Jahren quasi noch in den Babyschuhen. Und doch vereint der Film alle der jahrhundertealten historischen Künste: Die Architektur, die Skulptur, die Malerei. Hinzu kommen die Musik, der Tanz und natürlich auch die Dichtkunst. Der Film als „Siebente Kunst“ ist dabei nicht nur die Summe dieser einzelnen künstlerischen Teile, sondern wird zu einem eigenen Gesamtkunstwerk. Und dieses Gesamtkunstwerk verändert wiederum unsere Wahrnehmung – unsere Wahrnehmung auf die anderen Künste, unsere Wahrnehmung auf die Gesellschaft und auf uns selbst – ein wunderbares Geschenk der Moderne, das wir bis heute miteinander teilen dürfen. Und wo gelingt dies besser als gemeinsam im Kino? Und diese Konstellation gilt es zukunftsfähig zu machen.


2. Film- und Kinokultur bedeutet lebendige Begegnung statt digitaler Isolation

Denn das Kino ist ein lebendiger sozialer Ort, der uns gleichzeitig einen geschützten Raum bietet. Er vereint uns in unseren Emotionen und lässt uns ganz unterschiedliche Perspektiven in unglaublicher Intensität teilen – ganz ohne Störungen durch Handy oder Computer. Oder wie der Autorenfilmer Edgar Reitz beim LICHTER Filmfestival 2024 seine tiefe Sehnsucht nach Kino beschrieben hat: Als Wesen aus Fleisch und Blut können wir nicht nur virtuell am Handy existieren. Wir müssen hinaus ins Freie, zu den anderen Menschen, um uns selbst wieder zu spüren. Und wir brauchen dabei das Kino als Ort, um gemeinsame Zeit und gemeinsame Erfahrung an einem gemeinsamen Ort miteinander zu teilen – gegen die Vereinzelung, Vereinsamung und aller Internet-Filterblasen zum Trotz. Und dabei bieten kinokulturelle Veranstaltungen mit Gesprächen, Gästen und Filmfestivals einen idealen Rahmen – sie sind gefühlte Film- und Kinokultur par excellence.

 

 3. Gemeinsames Filmerleben stärkt die Psyche

Und hierdurch bewegt sich noch viel mehr: Durch gemeinsame Kinobesuche lassen sich tatsächlich gesundheitliche Effekte nachweisen. Wie die Metastudie „Box Office and Beyond“ (2024) zeigt, hilft die immersive Wirkung von Filmen, Ängste und Sorgen temporär zu reduzieren und kann so zur mentalen Entlastung beitragen. Gemeinsame Filmerlebnisse fördern positive Emotionen, stärken das Zugehörigkeitsgefühl und wirken sich günstig auf die psychische Gesundheit aus. Die Auseinandersetzung mit Geschichten, Themen und Figuren im Film regt zum Nachdenken an, fördert Empathie und kann sogar kognitive Fähigkeiten stärken. Gerade für eine Gesellschaft, in der eine steigende Zahl von Menschen – insbesondere jene mit Fluchterfahrung und Traumata – von Einsamkeit und psychischer Belastung besonders betroffen ist, bietet Film- und Kinokultur eine effektive Möglichkeit zur Prävention und Förderung des eigenen Wohlbefindens.


4. Film- und Kinokultur für alle ist eine politische Aufgabe

Doch Kino ist nicht gleich Kino. Es geht vor allem um Filmtheater, die aus großer cinephiler Begeisterung gegründet wurden und durch hartnäckiges Engagement ihren ganz eigenen Charakter entwickelt haben. Hilmar Hoffmann, streitbarer Kulturpolitiker, visionärer Vordenker der Nachkriegszeit und selbst Pionier in Sachen Kinokultur als Gründer des ersten offiziellen Kommunalen Kinos in Frankfurt sowie der Internationalen Kurzfilmtage in Oberhausen – damals noch als „1. Westdeutsche Kulturfilmtage“ – formulierte den wohl meistzitiertesten Appell an die Kulturpolitik: „Kultur für alle“ lautete seine Forderung – und dies gilt heute mehr denn je für Film- und Kinokultur. Für ihn waren Kultur und Kinokultur kein dekorativer Zusatz, sondern ein zivilisierendes Element einer demokratischen Gesellschaft. Er forderte, auch in Zeiten knapper Kassen die Ausgaben für Kultur auf mindestens zehn Prozent des Haushaltsetats festzuschreiben, um kulturelle Bildung für alle zu gewährleisten. Doch diese Realität ist bislang nicht eingetreten. Im Gegenteil: Gerade jetzt droht der Rotstift zuerst in der Kultur angesetzt zu werden. Die Gefahr ist real, dass insbesondere kleinere, unabhängige Kinos und die historischen, aber wirtschaftlich wenig rentablen Filmtheater mit nur einem Saal damit für immer verschwinden – und mit ihnen ein wichtiges Stück beliebter kultureller Infrastruktur. Deshalb ist es notwendig, den Wert von Film- und Kinokultur frühzeitig anzuerkennen und jetzt gemeinsam neue, nachhaltige Förderwege zu entwickeln.


5. Kontinuierliche Förderkonzeptionen sichern Kinostandorte

Die Arbeit an der Filmkonzeption des Landes Baden-Württemberg 2020, der ersten Heidelberger Kinokonzeption 2022 sowie der Kinokultur-Konzeption der Stadt Mainz 2024 haben auf Landes- bzw. kommunaler Ebene auch Erkenntnisse darüber gebracht, wie Kinoförderung durch die öffentliche Hand ganzheitlich betrachtet werden sollte. Doch eine punktuelle Bearbeitung reicht dabei nicht aus:

Permanenter Wandel der Rahmenbedingungen machen es mittlerweile notwendig, Förderkonzeptionen kontinuierlich fortzuschreiben und anzupassen, um auf disruptive Veränderungen angemessen reagieren zu können. Die Voraussetzungen für erfolgreiche Konzeptionen sind darüber hinaus, dass Kommunikationswege zu ihrer Erarbeitung kürzer, direkter und persönlicher werden und die zentralen Kino-, Film- und Festival-Akteure in ihren Perspektiven stärker einbezogen werden. Nur so kann man, auch unter hohem Druck wie der Pandemie, angesichts technischer Neuerungen oder einem verschärften gesellschaftlichen Klima, schneller und gemeinsam Lösungen finden.

 

6. Die Hauptsäulen des Kinos müssen erhalten bleiben

Eine gezielte öffentliche Kinoförderung muss dabei die Kinostruktur und ihr dreigliedriges Fundament in Deutschland als Gesamtsystem begreifen, das für eine nachhaltige und vielfältige Filmauswertung unverzichtbar ist: 1. Multiplexkinos, 2. Programmkinos und 3. Kommunale Kinos. 
In ihrer wechselseitigen Ergänzung entfalten die drei Säulen gemeinsam mit einer starken Filmproduktion, einem zugkräftigen Verleih und einer soliden Filmfestivalförderung in Deutschland ihre volle kulturelle, gesellschaftliche und wirtschaftliche Wirkung. Ihr Zusammenspiel gewährleistet nicht nur eine flächendeckende Versorgung mit Filmangeboten, sondern auch eine Balance zwischen wirtschaftlicher Tragfähigkeit und kultureller Vielfalt.

Auch wenn die Übergänge zwischen den Kinoformen mittlerweile fließend sind, erreichen vor allem die Multiplexe ein zahlenmäßig großes und in seinen Interessen breit aufgestelltes Publikum mit internationalen Blockbustern, während die Programmkinos eher für die Vermittlung von anspruchsvollen Arthouse-, Independent- und dokumentarischen Filmen stehen. Kommunale Kinos wiederum erfüllen traditionell eine zentrale kulturpolitische Aufgabe: Sie schaffen explizit Räume auch für das Filmerbe, für die Bildung und den gesellschaftlichen Diskurs – oft in Kooperation mit Schulen, Initiativen und vielen Ehrenamtlichen. Und die Filmfestivals bilden dabei für alle Kinoformen die starken Sparringspartner.

Trotz einer leichten Erholung der Besucherzahlen nach der Pandemie bleibt die strukturelle Lage herausfordernd. Ein großer Teil der Kinobesuche konzentriert sich weiterhin auf stark beworbene Mainstream-Titel, wodurch insbesondere kleinere Kinos und weniger stark beworbenen Filmwerke unter Druck geraten. Daher braucht es eine integrierte Förderperspektive, die neben der Produktion und dem Verleih alle drei Kinosäulen als gleichwertig behandelt und stärkt. Eine solche Förderperspektive bezieht auch die Filmfestivals sowie agile Formate wie Open-Air- oder Wanderkinos systematisch mit ein und hilft, allgemeine Barrieren abzubauen, um den Zugang und die Vielfalt des filmischen Angebots dauerhaft zu gewährleisten.


7. Film- und Kinokultur lebt vom ressortübergreifenden Engagement

Und welche Akteure in Politik und Verwaltung sollten sich hier besonders angesprochen fühlen? Dazu hilft der Blick auf den vielfältigen Nutzen von Film- und Kinokultur: Ein belebter Kino- und Festivalstandort hat neben seinem kulturellen Wert auch einen hohen attraktiven Wirtschafts- und Imagewert für die Stadt. Insbesondere das Arthouse-Kino, die Festivals und das Kommunale Kino stehen für die Pflege und Vermittlung des Film- und Kinoerbes.

Ebenso aktivieren mobile Kinos, Zwischennutzungen und hochwertige Filminitiativen erfolgreich ländliche oder strukturarme Gebiete, die kulturell unterversorgt sind, und machen ein reichhaltiges Filmangebot unterrepräsentierten Zielgruppen zugänglich. Film- und Kinokultur ist daher Bestandteil zahlreicher Handlungsfelder der öffentlichen Hand und bietet gesellschaftlich relevante Lösungen in virulenten Aufgabenbereichen wie z. B. Stadtentwicklung, Migration, Integration, Inklusion, Senioren- und Jugendarbeit, Wirtschaft, Tourismus oder bürgerschaftliches Engagement. Film, Kino und Festivals wirken damit weit über die Sphäre der Kulturämter hinaus. Daher braucht es eine wirksame Interaktion und einen Knowhow-Transfer zwischen den einzelnen öffentlichen Verwaltungsressorts, um das große Potenzial, das Kinokultur inne liegt, zu nutzen und weiterzuentwickeln.


8. Vom Erhalt des Ökosystems Film und Kino profitieren alle

Erst wenn man genauer hinsieht, lässt sich erfassen, wie groß die Vielzahl von heterogenen Akteuren auch jenseits der traditionellen Kinos ist, die sich ebenfalls mit Kino- und Filmkultur beschäftigen. In den Ballungsräumen sind es vor allem die großen und kleinen Filmfestivals, zahlreiche freie Gruppen, Kultur- und Trägervereine, dazu kommen die Hochschulen, Kulturzentren oder auch die Volkshochschule, die Menschen, die Film gemeinsam schauen wollen, aktivieren. In kulturell strukturschwachen Gebieten haben besonders mobile Kinos, Zwischennutzungen, Abspielringe und Open-Airs eine Schlüsselfunktion und sorgen, oftmals ergänzt durch großes ehrenamtliches Engagement, für ein gemeinsames Kinoerlebnis auf Leinwand, auch wenn es längst kein festes Kino mehr gibt, oder fungieren als Initiation für Kino- und Festival-Neugründungen. Wir brauchen dabei – bildhaft gesprochen – nicht Musikfilme für Musiker*innen, sondern gut kuratierte Programme, die den Blick für das Andere und den Austausch darüber öffnen. Es ist eine Art „Ökosystem Film und Kino“, das es gilt, für einen Ort mitzudenken, die Akteure untereinander zu vernetzen und sie krisenfest zu machen, damit am Ende alle profitieren.


9. Film- und Kinokultur begeistert die ganze Gesellschaft

Durch andauernde Krisen, Inflation, Migration und fortschreitende Digitalisierung ändern sich auch die Bedingungen für kulturelle Teilhabe. Wir verlieren vor allem die Älteren und weniger Gebildeten, die sich ins Private zurückziehen. Das Sofa ist seit der Pandemie zum Lieblingsort der Deutschen geworden. Die Auseinandersetzung mit den Perspektiven der anderen bildet zunehmend eine Fehlstelle. Die gute Nachricht ist: Zahlreiche Studien bestätigen, dass Kino- und Filmkultur bis heute weit vor allen anderen kulturellen Sparten das niedrigschwelligste und mit Abstand beliebteste kulturelle Angebot bietet, um Menschen quer durch alle Altersstufen, Milieus und Herkunftsländer in vielen Sprachen zu erreichen.

So hat beispielsweise 2023 das repräsentative GfK-Consumer Panel in Deutschland aktuell bestätigt, dass 74 Prozent aller Befragten ab 14 Jahren angaben, explizit kinointeressiert und Kinogänger*innen zu sein. In dieser Studie waren dies hochgerechnet also mehr als 46 Mio. Menschen. Und vor allem die jungen Menschen lieben immer noch ihr Kino und sind als stärkste Gruppe der Kinobesucher vertreten. Dieser breiten Zielgruppe gilt es, vielfältige Kino- und Festival-Angebote zu machen, um sie auch in ihrer Vielfalt zu erreichen.


10. Kino- und Festivalorte bieten Räume gelebter Demokratie und Debatte

Und last but not least: Für unsere demokratische Gesellschaft stellen Kinos und mit ihnen die lebendigen Filmfestivals über ihren Freizeitwert hinaus Orte dar, die die öffentliche Reflexion und Diskussion darüber ermöglichen, wie wir friedlich, multikulturell und divers zusammenleben wollen, und das durch alle Altersgenerationen hinweg. Kinos und Filmfestivals sind eine nicht mehr wegzudenkende kulturelle Praxis, die durch eine Vielfalt von Filmkunstwerken Menschen dazu einladen, Perspektiven und Meinungen anderer zu erkennen, das kollektive Gedächtnis zu schulen, künstlerische Positionen zu entdecken und darüber in Reflexion und Dialog zu kommen.

Die Sicherung unserer Demokratie und freiheitlichen Gesellschaft ist eine gewaltige Aufgabe, vor der die Kommunen, die Länder und der Bund derzeit stehen. Ein weiterer Rechtsruck bei nächsten Wahlen sowie Beschlüsse über Sparmaßnahmen werden entscheidend für die Weiterexistenz vieler Kultureinrichtungen, Kinos und Festivals sein. Die Bewahrung von Filmkunstkinos, Filmfestivals und aktiven Filmnetzwerken sowie ihre kollektive Weiterentwicklung kann auch zukünftig lustvoll Menschen zusammenbringen, um sich friedlich über Perspektiven unserer freiheitlichen Gesellschaft, aber auch über unfreie und problematische Formen in der Welt auszutauschen.

Und genau hierfür braucht es: Eine ausreichende öffentliche Finanzierung, verbindliche Planungssicherheit, dabei Allianzen zwischen engagierten motivierten Menschen, die sich dafür mit Hartnäckigkeit persönlich einsetzen, sowie neue, vielleicht auch unkonventionelle Wege, um im Sinne einer „next practice“ qualitätsvolle Film- und Kinokultur zukunftsfähig zu machen (siehe Kapitel III).


Dr. Morticia Zschiesche